Neues europäisches Curriculum
Geriatrische Notfallmedizin in der Notfallsanitäter-Ausbildung
Zusammenfassung der Publikation: Krohn et al. (2026): A European paramedic curriculum for geriatric emergency medicine developed via a modified Delphi technique.
Warum dieses Thema für die Praxisanleitung wichtig ist
Die Demografie im Rettungsdienst hat sich gewandelt: Ältere Menschen stellen mittlerweile die größte Patientengruppe dar. Diese Patienten weisen eine signifikant höhere 30-Tage-Mortalität auf und fordern den Rettungsdienst heraus, da klassische, algorithmusbasierte Vorgehensweisen oft nicht ausreichen. Bisher fehlte ein einheitlicher Standard für die Ausbildung in diesem Bereich. Mit der Veröffentlichung von Krohn et al. (2026) liegt nun erstmals ein europäischer Konsens für Mindestkompetenzen vor, der als Leitfaden für die praktische und theoretische Ausbildung dienen kann.
Das Curriculum im Überblick
In einem mehrstufigen Delphi-Verfahren haben Experten aus 27 europäischen Ländern (darunter Notfallmediziner, Geriater und Pädagogen) konsentiert, was Notfallsanitäter:innen zwingend können müssen.
Umfang: 57 Lernziele in 12 Domänen.
Fokus: Weg von reinem Faktenwissen hin zu Handlungskompetenz. Über 50% der Lernziele liegen auf den Kompetenzstufen „Verstehen“ und „Analysieren“ (nach Bloom), um kritisches Denken bei komplexen Fällen zu fördern.
Ziel: Verbesserung der Diagnosegenauigkeit und der Entscheidungssicherheit (z.B. Transport vs. ambulante Versorgung).
Die 12 Kern-Domänen für die Ausbildung
Das Curriculum definiert folgende Themenfelder, die in die Ausbildung integriert werden sollten:
- Risikostratifizierung: Hochrisikosituationen unabhängig von festen Algorithmen erkennen (z.B. atypische Symptome).
- Indikatoren ernster Gesundheitsprobleme: Unspezifische Zeichen wie „allgemeine Schwäche“ oder Funktionsverlust (ADL-Decline) als Alarmzeichen deuten.
- Veränderter Mentalstatus: Delir als Notfall erkennen und von Demenz abgrenzen.
- Klinisches Assessment: Sepsis, Exsikkose und Schmerz (auch bei Demenz) sicher identifizieren.
- Stürze: Umfassendes Assessment durchführen, nicht nur den Sturz als Unfall betrachten, sondern die Ursache (z.B. Synkope) suchen.
- Trauma: Besonderheiten bei Niedrigenergietraumen und Antikoagulation beachten.
- Medikation: Polypharmazie und unerwünschte Arzneimittelwirkungen (ADE) als Ursache für den Notruf erkennen.
- Kommunikation: Barrieren (Hören/Sehen) überwinden und Fremdanamnesen strukturiert erheben.
- Frailty (Gebrechlichkeit): Das Konzept der Gebrechlichkeit verstehen und in die Risikobewertung einbeziehen.
- Palliative Care: Therapieziele am Patientenwillen orientieren und Sterbebegleitung professionell durchführen.
- Lagerung & Transport: Hautschonende Techniken und Nutzung von Mobilitätshilfen.
- Psychosoziale & Rechtliche Aspekte: Erkennen von Missbrauch, Einbeziehung von Vorsorgevollmachten und Abbau von Altersstereotypen
Implikationen für die Praxisanleitung
Für die Ausbildung an der Rettungswache ergeben sich aus diesem Curriculum konkrete Handlungsfelder:
- Training der "Grauzonen": Auszubildende müssen lernen, Entscheidungen zu treffen, wenn kein klarer Algorithmus greift. Das Curriculum fordert explizit die Fähigkeit, individuelle Transportentscheidungen unter
- Abwägung von Risiken (z.B. Hospitalisierung vs. Verbleib zu Hause) zu treffen.
- Szenario-Training: Übungen sollten realistische geriatrische Probleme abbilden (z.B. „Patient ist verwirrt“ statt nur „Patient hat Brustschmerz“), um die Differenzierung zwischen Delir und Demenz zu trainieren.
- Kommunikation als Skill: Das Einbeziehen von Angehörigen und das Überwinden sensorischer Defizite (Hörgeräte nutzen!) ist ein explizites Lernziel.
- Medikamentensicherheit: Der „Blick in den Medikamentenplan“ (z.B. Antikoagulantien, Antidiabetika) muss fester Bestandteil des Assessments werden.
Fazit
Das Curriculum von Krohn et al. bietet Praxisanleitern einen validierten Rahmen, um Auszubildende auf die Realität des Rettungsdienstes vorzubereiten. Es betont, dass die Versorgung geriatrischer Patienten hohe Fachexpertise und flexible Lösungsstrategien erfordert – Kompetenzen, die gezielt angeleitet werden müssen.