S2e-Leitlinie Telenotfallmedizin kompakt zusammengefasst
S2e-Leitlinie Telenotfallmedizin, kompakt zusammengefasst
Die S2e-Leitlinie empfiehlt Telenotfallmedizin als ergänzendes System, das Notfallsanitäter:innen unterstützt, ohne ihr eigenständiges Handeln zu beschneiden, und definiert Mindeststandards zu Technik, Systemstruktur und Versorgungsfeldern für den Rettungsdienstalltag. Für NotSan sind vor allem sichere Telekonsultation, Delegation (inkl. BtM-Analgesie), Leitlinienadhärenz, Dokumentation und Training relevant.
Grundprinzipien für NotSan
- Telenotarzt ist ein ergänzendes Rettungsmittel, das das Team vor Ort auf Anforderung in Echtzeit per Audio, Vitaldaten, Bild und ggf. Video unterstützt.
- Eigenständiges und eigenverantwortliches Handeln der Notfallsanitäter nach NotSanG und lokalen SOP/SAA soll ausdrücklich nicht eingeschränkt, sondern erweitert und im Bedarfsfall abgesichert werden.
- Telekonsultation ersetzt die klassische „Telefonberatung“ durch ein strukturiertes, technisch und rechtlich abgesichertes System mit klarer Verantwortung und Dokumentationspflicht.
Technik – was NotSan wissen müssen
- Es soll eine stabile Datenverbindung mit Zugriff auf mehrere Mobilfunknetze und sichere Übertragung von Vitaldaten (HF, SpO₂, EKG, NIBD) verfügbar sein; die Videoübertragung soll grundsätzlich möglich sein.
- Vor jeder Telekonsultation muss das Team vor Ort prüfen, ob die Übertragungsqualität für den konkreten Einsatz ausreichend ist (Sorgfaltspflicht).
- Tele-Sonografie kann, falls vorhanden, per Video an einen Arzt übertragen werden, ist aber kein Muss; entscheidend ist die sichere Nutzung der verfügbaren Technik.
Systemstruktur – Einsatz und Rollenverständnis
- Ein Telenotarzt-System soll eingeführt werden, um arztbesetzte Rettungsmittel zielgerichteter einzusetzen und Notärzte dort frei zu halten, wo physische Präsenz zwingend nötig ist.
- Typische Anlässe für Telekonsultation durch NotSan:
- Notarztbedarf, aber kein zeitgerechtes Eintreffen möglich.
- Entscheidungsfindung „Transport ja/nein?“ bzw. Wohin?
- Unterstützung bei Sekundärtransporten oder in schwer zugänglichen Bereichen (z. B. Offshore, Inseln).
- Unsicherheit, komplexe Verläufe oder Bedarf an Leitlinien-Check („second glance“).
- Delegation von Maßnahmen (insb. Medikamentengaben) gilt als sicher durchführbar; delegierte Maßnahmen müssen explizit dokumentiert werden (MIND 4.0 mit telenotfallmedizinischen Ergänzungen).
Konkrete Versorgungsfelder für NotSan
- Analgesie/BTM: Telenotarzt soll bei Bedarf zur Unterstützung einer leitliniengerechten Schmerztherapie (traumatologisch/nicht-traumatologisch, inkl. BtM) herangezogen werden – heute im Zusammenspiel mit der erweiterten BtMG-Regelung für NotSan.
- ACS/Herz:
- EKG-Übertragung und telekardiologische/telenotärztliche Beurteilung sollen bei Verdacht auf ACS genutzt werden, um Diagnose und Therapie (z. B. PCI) zu beschleunigen und das richtige Zielkrankenhaus anzufahren.
- Pharmakologische Therapie (z. B. Antikoagulation beim stabilen ACS, Therapie hypertensiver Notfälle mit GTN, Metoprolol, Urapidil) kann telenotfallmedizinisch mit hoher Sicherheit und Leitlinienadhärenz unterstützt werden.
- Neuro (Schlaganfall):
- Vom Team assistierte neurologische Untersuchung mit Video an neurovaskuläre Experten kann sicher zur Erkennung von Großgefäßverschlüssen eingesetzt werden und die Zuweisung in Thrombektomie-Zentren steuern.
- Teleneurologische NIHSS-Erhebung ist in der Genauigkeit vergleichbar mit Vor-Ort-Untersuchung und kann bei Unsicherheit genutzt werden; strukturierte Voranmeldung verkürzt intrahospitale Zeiten deutlich.
- Vital bedrohte Patienten: Telenotarzt kann helfen, komplexe Maßnahmen (z. B. bei Reanimation, Schock, komplexen Arrhythmien) bis zum Eintreffen eines physischen Notarztes strukturiert umzusetzen und den Zustand zu stabilisieren.
Praktische Relevanz im Alltag der NotSan
- Mehr Handlungssicherheit: Telekonsultation unterstützt NotSan, wenn das eigene Kompetenzspektrum (oder das Setting) an Grenzen stößt – insbesondere bei kritischen Medikamenten, komplexen Diagnosen und Zweifelsfällen.
- Höhere Leitlinienadhärenz und Patientensicherheit: Telenotarzt-Nutzung wird ausdrücklich empfohlen, um Fehler zu reduzieren, Standardtherapien konsequenter umzusetzen und kritische Prozesse (z. B. STEMI-/Stroke-Kette) zu beschleunigen.
- Dokumentation und Qualitätsmanagement: Jeder Telenotarzt-Einsatz soll vollständig (MIND 4.0, inkl. technische Qualität und delegierte Maßnahmen) dokumentiert werden; telenotfallmedizinische Anwendungen sollen szenariobasiert trainiert werden.
Für die Fortbildung von Notfallsanitäter:innen lassen sich daraus klare Lernziele zu Indikationsstellung der Telekonsultation, Kommunikation mit dem Telenotarzt, rechtlichem Rahmen (NotSanG/BtMG/Dokumentation) sowie praktischer Anwendung in ACS-, Stroke- und Analgesie-Szenarien ableiten.
Themen die das Team der Bildungsakademie für Gesundheits- und Sozialberufe des Kreises Mettmann bei der Ausarbeitung zukünftiger Fortbildungsinhlaten berücksichtigen wird.